Lehrtherapie

Zu einer umfassenden Ausbildung in Gestalttherapie gehört eine mehrjährige Lehrtherapie. In der Psychoanalyse hatte man schon zu Freuds Zeiten festgestellt, dass sich in einer therapeutischen Beziehung eine typische Konstellation entwickelt, die man Übertragung und Gegenübertragung nennt. Kurz gesagt heisst das, dass der Klient Beziehungsmuster, die er in seiner persönlichen Geschichte erlebt hat, auf den Therapeuten mit Hilfe von Projektion überträgt. Dabei werden tiefliegende Bedürfnisse, die mit starken Gefühlen, Forderungen und Ansprüchen verbunden sind, aktiviert. Es ist deshalb von großer Bedeutung, dass der Therapeut sich seiner eigenen persönlichen Geschichte und der damit verbundenen Dynamik bewusst ist und sie durchgearbeitet hat. Ansonsten besteht die Gefahr der Verstrickung des Therapeuten in eine unbewusste Gegenübertragung, in der er nicht in der Lage ist, sich adäquat abzugrenzen. Und genau um diese Grenze geht es zentral in der gestaltherapeutischen Arbeit. An der Grenze zwischen einem Ich und einem Du findet eine Begegnung statt, die wir in der Gestalttherapie “Kontakt” nennen.
Wenn diese Erfahrung von Kontakt gelingt und nicht durch Projektionen vernebelt wird, entsteht eine neue Wahrnehmung von Identität. In der Klarheit und Schärfe des Kontaktes liegt für Gestalttherapeuten das größte Entwicklungspotential.
Sicher gibt es noch weitere wichtige Gründe, die für eine Lehrtherapie sprechen: Ein Therapeut, der aus eigener Erfahrung weiß, wie es sich anfühlt Klient zu sein, hat ein viel besseres Gespür für die Nöte und den Stress, der damit verbunden ist, tief verschüttete Gefühle zu entdecken.
Jeder Therapeut entwickelt im Laufe der Zeit seinen persönlichen Stil. Menschen als soziale Wesen lernen die wesentlichen Dinge im Rahmen von Beziehungen an “Modellen”, mit denen sie sich identifizieren. Das gilt in sehr hohem Maß für den Erwerb therapeutischer Kompetenzen. So erkenne ich täglich in meiner Arbeit, wieviel ich von meinem Lehrtherapeuten und Supervisor Martin Goldstein an persönlichem Stil übernommen habe.

Gestalt und Gefühle

…eigentlich ist es doch nicht so schwer, die Webseite mit einem weblog zu erweitern. Aber ich komme mir, wenn ich etwas Neues beginne, meistens etwas unbeholfen vor.  Wenn ich an das Laufenlernen, Fahrradfahren oder Autofahren denke, lief das ja am Anfang auch nicht so locker ab. Aber weil wir es lernen wollten und gesehen haben, dass andere es konnten, haben wir eben weitergemacht. Und sind hingefallen, wieder aufgestanden, haben vielleicht geheult, waren wütend… und haben letztlich trotzdem weitergemacht.

Und so läuft im Prinzip alles was wir neu lernen, nach dem gleichen Muster ab. Es sind immer eine Menge Gefühle mit im Spiel. Das Dumme daran ist, dass wir die guten Gefühle wollen und die schlechten nicht. Die meisten von uns kommen bald dahinter, dass wir unsere unangenehmen Gefühle unterdrücken können und werden im Laufe der Zeit immer besser darin. Wir machen z. B. ein freundliches Gesicht, obwohl wir unser Gegenüber nicht besonders mögen oder heulen nicht gleich los wenn wir uns verletzt fühlen. Mit anderen Worten: Wir lernen uns zu beherrschen und das bringt zweifellos große Vorteile mit sich.  Wie fast alles im Leben hat das aber auch eine Schattenseite:  Das Beherrschen wird allzu häufig zur Gewohnheit und läuft automatisch ab. Und damit haben wir uns ein Problem geschaffen und zwar ein hausgemachtes: wir merken gar nicht mehr, was wir fühlen und entfernen uns immer weiter davon, wer wir sind.

Im schlimmsten Fall werden wir zu einer Art “Maschine”, die das Gefühl für sich selbst verloren hat. In milderen Fällen zu ganz normalen Menschen, die mit sich selbst und ihren Gefühlen ziemlich kritisch sind.

Und was hat das jetzt mit Gestalt zu tun? Diese Frage habe ich schon anfangs, als ich Gestalt gelernt habe, gestellt. Meine Lehrer haben mir nicht den Gefallen getan sie mir zu beantworten. Ihre Reaktion bestand vielmehr darin, mich zu ermutigen mich auf mein Gefühl einzulassen und selber rauszukriegen, wie das alles zusammenhängt. Es gehörte damals zum Stil, Fragen, die auf das intellektuelle Verständnis abzielten, zu frustrieren. Manche haben das übertrieben, aber vom Prinzip her halte ich es auch heute noch für eine sehr wirksame Intervention, weil sie einem unmissverständlich
klarmacht, dass nur die Antworten, um die man selbst gerungen hat, wirklichen Wert haben.

Inzwischen weiss ich, aus eigener Erfahrung, dass es darum geht, in einem geschützten Rahmen damit zu experimentieren, sich auf sein Gefühl einzulassen und sein eigenes Kontrollieren (Beherrschen) kennenzulernen. Das ist für mich die Essenz der Gestalttherapie und führt zu einem sehr spannenden Entwicklungsprozess der “Wiederbelebung des Gefühls!” Mit anderen Worten die Wiederbelebung des Lebendigseins. Die Formulierung ist zwar doppelt gemoppelt aber im Moment fällt mir keine bessere ein. Das gute daran ist: dieser Prozess ist nie zu Ende, also nie fertig. Es bleibt also spannend!  – Die Medienleute würden sagen: “Bleiben Sie dran!”

Das Fühlen bzw. Wahrnehmen ist also so eine Art “heilige Kuh!” in der Gestalttherapie und genießt besondere Wertschätzung.  Und was ist mit dem Denken? Tja, mit dem Denken hatten die Urgesteine in der Gestalttherapie so ihre Probleme. Denken hatte mit Kontrollieren, Konstruieren, Manipulieren und Herrschen zu tun und historisch gesehen, hatte man davon eine Überdosis abgekriegt. Also wurde das Denken zeitweise, sozusagen als Gegenreaktion, regelrecht verprügelt. Bei aller Berechtigung, die diese Vorgehensweise aus damaliger Sicht hatte, hat sie doch der Gestalttherapie aus heutiger Sicht eher geschadet. Wissenschaftliche Anerkennung von akademischen Rang wurde nicht angestrebt. Im Gegenteil: man leistete sich das Vergnügen, sich über das Bemühen um Erklärungenansätze als akademische Kleinkariertheit lustig zu machen.

Diese Zeiten sind nun vorbei und das Denken hat seine Bedeutung auch in der Gestalttherapie zurückgewonnen.