Hardy

Im Vorfeld unseres Experiments “Gestalt Leben” musste ich an die TV-Serie “Big Brother”denken: Was die Medienleute machen, machen wir als Gestalt Therapeuten auf unsere Weise, nur viel besser!

Was passiert, wenn eine Gruppe Gestalttherapeuten Lebenszeit und Lebensraum miteinander teilen? Auf der IGW-Lehrtherapeuten Tagung* im vergangenen Jahr hatte die Idee zu diesem Experiment großes Interesse gefunden und war für 2002 im Anschluss an die Tagung vom IGW organisiert worden. Von den ursprünglich sechs für dieses Experiment angemeldeten Personen, waren nur vier übriggeblieben: eine Frau und drei Männer (Almut, Martin, Eberhard und Hardy). Deshalb nahmen wir die Von Eberhard angebotene Improvisationslösung, den Ort des Geschehens nach Miltenberg in seine Praxis zu verlegen dankbar an.

Statt einer Videocamera, nutzten wir unsere gegenseitige Wahrnehmung. Wir hatten im Vorfeld keine Ahnung, ob die “Kosten- Nutzenrelation”, immerhin hatten wir als Freiberufler einen satten Verdienstausfall, positiv ausging. Kein Trainer, keine Struktur, aber wir hatten uns selbst, mit unserer langjährig trainierten kommunikativen- und therapeutischen Kompetenz. Wir waren bereit, diese Kompetenzen, unsere Wünsche und Bedürfnisse einzubringen und aufmerksam dafür zu sein, dass das Verhältnis von Geben und Nehmen im Gleichgewicht blieb.

So kamen wir dahingehend überein, eine Art Heil-Umgebung zu schaffen, ähnlich wie wir sie sonst mit unseren Klienten realisieren. Dieses Mal jedoch ohne feste Rollen, sondern dynamisch wechselnd, sich aus dem Prozess ergebend. Die Idee, unsere Träume, und zwar diejenigen, die wir unter dem gemeinsamen Dach während des Zusammenseins träumten, als richtungsweisendes Materials zu nutzen, erschien uns als guter Ausgangspunkt. So begannen wir jeden Tag mit einem morgendlichen Traumforum. Ob es zu einer tieferen Bearbeitung oder bei einer bloßen Mitteilung blieb, entschied der Träumer selbst.

Wir waren nicht überrascht, dass sich in sehr kurzer Zeit eine noch größere Intensität und Dichte einstellte, wie wir sie von einer üblicherweise moderierten Selbsterfahrungsgruppe kennen. Wir erkannten einen typischen Prozess wieder, der sich in einem therapeutischen Setting in der Regel entwickelt und ließen uns davon weitertragen. Neu war jedoch, dass in dem von uns gewählten Rahmen ein Vertrauen und eine Nähe entstand, die ein sehr tiefgehendes Arbeiten ermöglichte, ohne dass wir dazu einen Leiter oder einen Moderator brauchten. Der berühmte Satz: “Dont push the river, it flows by itself…” bestätigte sich für uns als natürliche Erfahrung. Die Kompetenz dazu liegt ja bereits in uns und in der Regel lassen wir sie unseren Klienten zu Gute kommen. Warum lassen wir sie uns so selten selbst zugute kommen und nähren uns damit gegenseitig in einem gemeinschaftlichen Netzwerk? Wir arbeiten als Therapeuten unter Supervision, diese kann auch kollegial stattfinden, also ohne Leiter als Intervision. Eher machen wir dort eine fallorientierte Arbeit, unsere eigenen ganz persönlichen Belange und Konflikte machen wir jedoch seltener zum Thema. Das traditionelle Modell der Kernfamilie, was die meisten von uns nach wie vor favorisieren, erweist sich im Alltag selten als Resource eines harmonisierenden Ausgleichs. Wenn wir es uns als Gestaltstherapeuten zur Aufgabe machen, bei unseren Klienten auf die Homöostase ihrer seelischen Bedürfnissen zu achten, dann gilt das ja wohl auch für uns selbst. Burned out sind immer die anderen. Damit will ich nicht bezweifeln, dass sich viele von uns in einem persönlichen sehr wertvollen Entwicklungsprozess befinden. Dazu jedoch eine Gruppe oder eine Gemeinschaft von Menschen zu nutzen, die Gestalt leben, also sich gegenseitig umeinander bemühen, diese Möglichkeit ist eher selten. Zumindest ist sie wenig bekannt, bzw. es wird wenig darüber berichtet. Sie gehört jedoch ganz eindeutig zu den Wurzeln der Gestalttherapie, denn die ersten Gestalttherapeuten haben ihre Erfahrung in einem solchen Kontext weitergegeben. Sie lehrten dort, wo sie lebten.

Fasziniert habe ich in diesen Tagen den Erzählungen gelauscht, die sich um das Erleben in Jim Simkins Haus in Big Sur drehten. Seine Familie mit all ihren Konflikten war lebendiger Hintergrund, der eine besondere Rollenflexibilität vom Lehrer wie von den Schülern verlangte und mich an mein erlebtes Lehrer-Schüler Verhältnis während meiner Gestaltausbildung erinnerte. Etwas von dieser ursprünglichen Gestalt Kraft haben wir in diesen Tagen wiederbelebt. Mir hat das sehr gut getan.

© Hardy Dierks 2002

* Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg