Eberhard

“Gestalt-Leben” leben – Ein Experiment

Vom 26.01. -31.01.2001 traf sich eine kleine Gruppe von 4 Lehrtherapeuten und Ausbildern des IGW, um für 4 Tage miteinander zu leben, sich auszutauschen, sich zu begegnen.
Als Martin Goldstein bei der Lehrtherapeuten-Tagung des IGW im Januar 2001 ein solches Zusammentreffen anregte, war ich spontan begeistert und wollte unbedingt dabei sein. Als dann die Einladung vom IGW kam, meldete ich mich auch spontan und – fast – ohne Zögern an. Der Wirtschaftsprüfer in mir meldete sich jedoch bald zu Wort: “Lohnt sich der finanzielle Verdienstausfall – immerhin ca.2000,- Euro – und kommt dafür auch genügend an Gewinn (Was für ein Gewinn eigentlich?) heraus?” Auch der Gesundheitsminister äußerte sich: “ Ist es nicht sinnvoller, ein paar Tage Urlaub zu machen und Dich zu erholen (damit Du dann wieder die täglichen Strapazen besser ertragen kannst)?”
Mein Motiv zur Teilnahme war die Sehnsucht, etwas von der quirrligen Lebendigkeit der frühen Ausbildungsjahre wiederzufinden, als die lebendige Begegnung, das chaotische Zusammentreffen der unterschiedlichsten Charaktere und die anarchistische Lust auf Veränderung der innerern und äußeren Lebensumstände im Vordergrund standen und fundierte Ausbildungscurricula mit beruflich verwertbaren Fortbildungsgängen relativ unbedeutend waren. Ich sehnte mich einfach nach dem Zauber der unbekümmerten Begegnungen der frühen Jahre ohne Berechnung -kindlich-naiv unter Ausschluß des Erwachsenen-Ich. Ich wollte wieder einmal meiner innere Stimme hören, die nur nach mir fragt und nicht in den vielfältigen Verantwortlichkeiten des Erwachsenenlebens verstummt. Ich wollte mir wieder einmal die Erlaubnis geben, dieser Stimme zu folgen, jenseits von den Aufgaben des Alltags, die neben aller Bereicherung oft auch einfach ermüdend sind. Ich wollte wieder auf meine Träume hören, meinen Lebensträumen Raum verschaffen, die ich im weiteren Verlauf meiner Professionalisierung und Familiengründung doch – wenn ich ehrlich bin – ein gutes Stück aus dem Auge verloren habe. Ich lernte, Verantwortung zu übernehmen, “erwachsen\zu werden, Erfolg zu haben, meine Fähigkeiten und mein Wissen weiterzuentwickeln. Und doch gab und gibt es da eine leise Stimme, die mich immer wieder behutsam aufmerksam macht: “Da gibt es doch noch etwas, das kann doch nicht alles sein!” Gottlob gibt es diese Stimme in mir, auch wenn sie mich manchmal schmerzt, rüttelt sie mich auch auf, lebendig zu bleiben und meinen Lebensstil immer wieder einmal zu überprüfen und auch Korrekturen zu unternehmen – um mein Leben mehr auszuschöpfen und ihm mehr Sinn zu verleihen.
Die Tage mit der Gruppe gaben mir nun die Gelegenheit, mit anderen Suchenden dieser Stimme zu folgen und auf die Stimmen der anderen zu hören, sich auszutauschen und sich so gegenseitig zu nähren und genährt zu werden.
Eine Begegnung ohne festgelegte Rollen. Es gab keine Therapeuten und keine Klienten. Es war aufregend, anfänglich auch ängstigend, sich so zu begegnen. Die Gestalttherapie redet zwar immer von der Begegnung jenseits von Rollenklischees, aber im Alltag mit unseren Klienten sind diese wie wir fest in die Rollen eingebunden. So tauchten wir vorsichtig ein in diese uns doch auch unvertraute Form des sich Begegnens. Ich erlebte es prickelnd, verunsichernd, aber auch mit Neugier und mit Abenteuerlust.
Und dazu fand das ganze noch – spontan nach kurzer telefonischer Absprache mit mejner Frau entschieden – in meiner Praxis, die sich in meinem Wohnhaus befindet, statt. – Wie kann ich unser Treffen mit meiner Familie und deren Alltagsleben zusammenbringen? – Kann ich meine Rolle als Hausherr, Ehemann und Vater mit meinen Wünschen und denen der Gruppenteilnehmer integrieren – und will ich das überhaupt?
Fragen, die ich vorher nicht klären konnte. Dafür ging alles zu schnell. Jetzt hatte ich also plötzlich “Gestalt-Leben leben” im wahrsten Sinne des Wortes. Das Leben würde sich die nächsten Tage so gestalten, wie es ist, wie ich, meine Frau, die Kinder und die Teilnehmer, Martin, Almut und Hardy es gestalten. Der Raum für Probehandlungen und Phantasien wurde eng. Bei der Wahrnehmung und Bewußtwerdung dieses Gestalt-Experimentes wurde mir doch etwas mulmig. Und ich spürte schnell, wie ich in meine mir wohl vertraute Rolle des Vermitteins und Ausgleichens schlüpfte und in Gefahr geriet, mich mit meinen eigenen Bedürfnissen in den Hintergrund zu schieben.
Doch die nächtlichen Träume, die wir in den gemeinsamen Sitzungen besprachen, konfrontierten mich zusammen mit der wohlwollenden Unterstützung unserer Gestaltgruppe mit meinen konditionierten Mechanismen der Konfliktbewältigung schnell und unerbittlich. Wie wohltuend-schaurig ist das aufrichtige Untersuchen meines Unterbewußten, das mich auf “die andere Seite” aufmerksam macht, die freundlichen Rückmeldungen und Anregungen der anderen, die trotz ihrer Freundlichkeit mich in meinem Lebensstil herausforderten und mich mit meinen gespurten Entscheidungsprioritäten und eingefleischten Reflexen konfrontierten und sie mir so wieder zur Wahl stellten. Mir wurde heiß, so rasch und so direkt hatte ich nun doch nicht damit gerechnet, mich mit meinen Bewältigungsstrategien auseinandersetzen zu müssen und zu dürfen.
Wieviel Raum gebe ich mir in meinem Alltag, wieviel den anderen, welche Rationalisierungen verwende ich, wenn ich mich an die Erwartungen der anderen anpasse und wie mache ich mich glauben, dass dies auch vernünftig und angemessen ist? – Und wie fühle ich mich dabei, was sagt meine innere Stimme zu meinem Lebensstil? – Wann bin ich rücksichtsvoll und wo ist meine Rücksichtnahme die Folge meiner Selbstverleugnung, die mich schwächt? – Wo gehe ich dem anderen aus meinem inneren Bedürfnis entgegen und wo folge ich weiter alten Introjekten, die mich einengen?
Jenseits von sicheren und vertauten Rollen interessieren wir uns füreiander, teilen uns mit, wss wir sehen und fühlen, was uns? einfällt, lassen uns erschüttern oder auch anrühren – und doch bleibt die Verantwortung bei jedem einzelnen. Fragen, die mich berühren ohne dass ich sie gleich beantworten kann. Ich komme in Kontakt mit tiefen Sehnsüchten und auch mit tiefen Ängsten von mir. Aber es ist sehr bekömmlich, mir die Zeit zu nehmen und den Fragen zuzuwenden und dabei von den anderen begleitet zu werden.
Schon taucht die nächste Frage auf. Ich frage mich, wie es den anderen mit mir geht, wenn sie mich so sehen und erleben. Ich erlebe es sehr wohltuend, dass wir uns in diesen Tagen alle öffnen, jeder hat seine eigenen Themen. Das Vergleichen und Fürchten von Ablehnung tritt in den Hintergrund, die leisen Schamgefühle bei der Wahrnehmung meiner Probleme und dem Gewahrsein, mit diesen von den anderen gesehen zu werden verringern sich. “Wir sind wie wir sind!” Wir bemühen uns jeder auf seine Weise, unser Leben nach unseren Bedürfnissen in Einstimmung auf unser Feld zu gestalten, manchmal gelingt es uns ganz gut, dann wieder weniger. Mich und die anderen so zu sehen und so anzunehmen, hat für mich etwas sehr Tröstliches
und Heilsames. Diese gemeinsam geteilte Erfahrung macht mich weich und dankbar. Ich werde mir bewußt, dass ich meine Probleme auch weiter mit mir herumtragen und weiter mich mit ihnen auseinandersetzen muss und auch will.
Aber es hat mir sehr gut getan, diese Erfahrung mit anderen zu teilen und dabei eine tiefe Achtung zu erleben, die wir uns gegenseitig während des Austausches gegeben haben. Dafür bin ich Almut, Hardy und Martin sehr dankbar, aber auch meiner Frau Barbara und meinen beiden Kindern Nana und Felix, dass sie sich alle mit mir für dieses Experiment geöffnet haben, das doch eine ganz andere Erfahrung wie die sonstigen Seminare war.
Die “Gestaltidee”, mehr Lebensphilosophie als Therapie lebt und die Konfrontation mit ihr hat nichts von ihrer Spannkraft und Vitalität verloren.
Allerdings ist es im Alltag nicht leicht, mich für diese Fragen offen zu halten, sie ernst zu nehmen und den Antworten, die sich andeuten, zu folgen.Schnell finde ich mich wieder in meinen Alltagsrollen wieder, die “Krallen des usual life” schlagen mit Macht zu. Die Arbeit, die Pflichten fordern ihren Tribut – und unser Leben vergeht. Doch die Erinnerung an unser “Gestalt-Leben leben” ist noch lebendig und ich bemühe mich, sie auch bewußt frisch zu halten.. So bleibe ich trotz dem alltäglichen Trott auch in kleinen Begebenheiten öfter wachsam, stelle in kleinen Dingen mich in Frage und finde wieder öfter den Mut für neue Wege jenseits meiner eingefleischten Gewohnheiten.
Dieses “Gestalt-Leben leben” hat mich genährt und bereichert und ich wünsche mir, dass ich mir diese Erfahrung öfter gönne! – Es hat mir gutgetan, meine emotionalen und mentalen Haltungen gemeinsam, ohne die üblichen Rollenfixierungen anzuschauen und mich zu stellen.

© Eberhard Klietsch 2002