Martin

Gestalt-Leben

Meine ergänzenden Erfahrungen aus Gestalt-Leben 2003

Die Unterscheidung zwischen “Alten”, die Gestalt-Leben in 2002 bereits erlebt haben, und “Neuen”, die zum ersten Mal dabei sind, schwindet schnell.. Wir sind fachlich auf gleicher Ebene, ebenso berufspolitisch (alles LehrtherapeutInnen), und wir können uns sofort über das Vorgehen (Befindlichkeits-Runde, dann Traumarbeit – und der Verpflegungs-Organisation) einigen. Es besteht also von vorneherein ein wirksamer Konsens.

Bereits diese Erfahrung ergibt Offenheit, sich zu zeigen. Und sogar noch mehr, nämlich das Bedürfnis, endlich wieder einen freien Vertrauens- und Verständnis- Raum Gleichgesinnter zur Verfügung zu haben, zeigt sich deutlicher. In Worten: hier bin ich geborgen, zugehörig, akzeptiert und werde vom wohlwollenden Verständnis der Anderen, mit dem ich sicher rechnen kann, sogar noch gelockt und herausgefordert.

Trotzdem bleibt, wenn ich mich einbringe, ein Wagnischarakter bestehen: ich weiß ja nicht, wie die vier Anderen auf mich eingehen werden, ob konfrontativ oder unterstützend, ob sie meine Begrenzungen, wenn ich sie wünsche, akzeptieren oder noch eine Herausforderung anbieten werden.

Dies alles passiert dann: ich habe ein, ich habe mehrere therapeutische Gegenüber, die unterschiedlich intervenieren. Und/oder ich habe eine ganze “Bande” therapeutischer Gegenüber, die die sich auf eins meiner Elemente konzentrieren.

Es ist dann nicht mehr allein mein gewählter Prozess-Faden, an dem alles entlanggeht unverhoffte Gefühle kommen auf, und ich stehe verunsichert und bewegt an meiner Grenze, während die Anderen mit ermutigender und akzeptierender Haltung um mich herum sind und mir Zeit und Raum lassen.

Das ist der Moment, in dem ich entscheide, etwas mitzuteilen, was ich ursprünglich nicht wußte oder nicht wollte, oder ob ich es lasse. Die Freiheit habe ich jetzt. Dieser Freiraum ist nicht virtuell, er besteht aus mir und 4 Gemütern, die mir Beachtung schenken.

Ich habe mit Personen zu tun, nicht mit Instanzen, mit Geschwistern, nicht mehr mit Therapeuten. Ich bin nicht “in Therapie”, ich befinde mich mitten im momentanen lebendigen Leben. Das ist das Jetzt-und-Hier.

Und nicht das geistige Wort sondern das sinnliche Tun hat jetzt Vorrang. Was ich äußere, ist nicht mehr differenzierbar in Gefühle, Assozationen oder Gedanken. Ich bin mit mir und den Anderen im Vollkontakt, eine Mimik, ein Laut, eine Gebärde sagen alles, und Figur und Hintergrund sind nicht mehr zu unterscheiden. Diese Befindlichkeit, die sich jetzt einstellt, ist tragend, und sie wirkt immer weiter nach, auch wenn ich nicht mehr im Fokus bin.

Daraus ergibt sich noch etwas. Der tragende Vollkontakt – oder wie soll ich das nennen? -entlockt mir Äußerungen dieser oder jenem gegenüber, die ich sonst niemals gesagt hätte, ja, auf die ich überhaupt nicht gekommen wäre. Es entsteht eine Strömung von Ehrlichkeiten, Spiegelungen, Feedbacks, welche das gemeinsame Nahesein widerspiegeln. Ich sage: Ich habe viel mehr von dir empfangen, als du weißt und gegeben hast, allein durch dein Hiersein und wie ich dich hier erlebt habe. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich solch ein Bedürfnis habe, mit einer Person wie dir unmittelbar zusammen zu sein, auch ohne Worte. Ich habe mich gut gefühlt, wenn ich deine geschickten Hände sah.” Oder: “Ich erkenne in deinem Gesicht deine Jugend-Schönheit, von der du vorhin gesprochen hast, und zwar heute mit dem Ausdruck erntereifen Alters. Und, wichtig, das verwandelt meinen Blick, der dazu getrimmt ist, immerzu nach frühen Blüten zu suchen, in ein erwachsenes Auge, welches dich als tragfähige erwachsene integrierte Person erkennen kann.

Einerseits: die Interventionen in der Runde sind keine Therapie, sondern mehr Anvertrauen und Beachten.

Oder: Gestalt-Leben ist immer, von der therapeutischen Runde bis in jeden Moment des Zusammenlebens.

© Martin Goldstein 25. 03. 2003