Gestalt-Leben Theorie

Ein Experiment zur De-Instrumentalisierung der Gestalttherapie

Theoretischer Exkurs zu „Gestalt-Leben”.

Wie auf den ersten Seiten des Ur-Gestalttherapie-Buches „Gestalttherapie” von E. und M. Polster zu lesen ist, soll Gestalttherapie zunächst angewendet werden, um psychisch stabilen Menschen zu weiterem psychischen Wachstum zu verhelfen.
Dieser Ursprung besagt, daß es in der Gestalttherapie keinen Krankheitsbegriff gab, bzw. es nicht um Krankheit oder Heilung gehen sollte, sondern um persönliches psychisches, soziales und (PAUL GOODMAN) politisches Wachstum.
Heutige Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, daß, wenn man die menschliche Psyche auf die Hirnleistung bezieht, diese eine derartigen Umfang hat, daß sie gar nicht ausgeschöpft werden kann.
Wie aber ist ein psychisches Wachsen zum Stillstand gekommen? Wir finden eine beträchtliche Anzahl von Begriffen, die das in etwa beschreiben wollen: Verstrickungen, Hemmungen, Blockierungen, Introjekte, Komplexe, Kompromiß-Bildungen. In der Sprache der Psychoanalyse sind es vor allem die Abwehr-Reaktionen. Diese bilden dann Begrenzungen, die dem Menschen unbewußt sind und seine Erlebnisfähigkeit und Reaktionsmöglichkeiten einschränken. In der Sprache des Hirnforschers: (GERALD HÜTHER) „Seine Hirnleistung wurde durch Mißprägungen besetzt.“ An diesen Stellen vermag er dann nicht mehr zu wachsen und bleibt auf Wiederholung oder Nachahmung angewiesen.
Nun fokussiert die therapeutische Gestalttherapie präzise und unvermeidlich diese Wiederholungen und Begrenzungen. Der gestalttherapeutische Impetus geht davon aus, daß es doch immer noch weitere freie Räume gibt, wenn die Grenzen fallen
oder überschritten werden. Andere Therapieschulen haben dafür unmittelbar den Begriff Ressourcen eingesetzt, die als noch ungenutzte Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Die Ansichten in der Gestalttherapie sind dagegen recht kühn, denn sie achten weniger auf die Hemmung bei Blockaden als mehr auf die Kraft, die in solchen steckt. Die Aufgabe besteht darin, die an Hemmungen gebundene Kraft freizusetzen und an andere, dem Menschen dienliche oder lustvolle Elemente zu binden. Wie diese Arbeit geschieht, soll an dieser Stelle nicht beschrieben werden, diese Kenntnis wird vorausgesetzt. Nur soviel sei gesagt: Es geht immer um das Auflösen der „Angst vor Veränderung, die mehr wäre als Fortschreibung der vertrauten Vergangenheit.” (SERGE TISSERON)
Die hier dienlich oder lustvoll genannten Elemente, sollten sie durch gestalt-therapeutische Arbeit erreicht werden, unterliegen – und das ist der grundlegende Anarchismus der Gestalttherapie – zunächst keiner moralischen oder gesellschaftlichen Wertung. Plötzlich steht ein Mensch vor einer Fülle von Möglichkeiten (die ihn sehr wohl erschrecken kann) und ist nun auf seine Welt- und Lebenssicht angewiesen, um abzuwägen, welche Möglichkeit er für sich wählen will, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Das genau ist der Moment, wo er etwas wagen muß, denn für das Neue ist in seinem bisherigen Repertoire kein vorbereiteter Platz frei. Das Neue, ebenso faszinierend wie besorgniserregend, ist zunächst (wie) ein Fremdkörper. Vor der Integration entstehen Angst und schwere Bedenken. H. BEAUMONT hat solche Phänomene „Über-lch-Attacken” genannt. Es gibt dann niemanden, der ihn bestärkt, der Gestalttherapeut erst recht nicht. Für die Kraft oder den Mut oder das Wagnis, dieses Neuentdeckte in sich zu integrieren, ist der Mensch auf sich selbst angewiesen. Seine Möglichkeit liegt darin, seine eigene neue Ordnung zu schaffen. Was ihm bleibt ist die experimentelle Erfahrung, ob es sich für ihn als Organismus, günstig auswirkt. Ohne zu „probieren, wie es schmeckt“ wird er nicht zu einer Entscheidung gelangen.
Gestalttherapie sieht in ihm einen Menschen, der mit einem Freiheitskämpfer zu vergleichen ist. Ein Freiheitskämpfer ist überzeugt und bereit, dafür einen Preis zu zahlen. NELSON MANDELA beschreibt das beispielhaft ganz offen, wie er um des Freiheitskampfes willen sein Familienleben vernachlässigen mußte. Hier wird deutlich, daß das, was wir Wachstum nennen, nicht einfach aus einer Erweiterung im Sinne einer Ergänzung besteht, sondern, exakt wahrgenommen, aus einem Akt des Austauschens.“ (JÖRG SCHLEE)
Darin liegt sehr wohl auch ein politischer bzw. ein evolutionärer Aspekt. Zweifellos geschieht die übliche therapeutische Gestalttherapie in einem Bereich, der im Negativen liegt, geometrisch beschrieben: unter Null. Das ist das Leiden des Klienten, daß er unter Null lebt. Und wenn er mit Hilfe des therapeutischen Prozesses wächst, so wächst er aus dem negativen Bereich heraus bis in die Nulllinie. Gelangt er bis dahin, schwindet sein Leidensdruck und er ist schließlich von ihm befreit. Mit diesem Ergebnis ist jedoch die Kapazität der Gestalttherapie noch längst nicht voll ausgeschöpft. Leid zu mindern ist sehr wertvoll und zu würdigen. Die Lebensqualität zu erhöhen ist jedoch das ureigene Anliegen von Gestalttherapie. Zurück zur Aussage des Anfangs: Gestalttherapie war ursprünglich gedacht, sich im positiven Bereich zu bewegen, also über der Nulllinie, und dieser Positivbereich ist -geometrisch gesehen- unbegrenzt, sowohl in Höhe als auch in der Breite. Im Rahmen dieser Analogie könnte man mit „Höhe“, die fachliche Kompetenz bezeichnen, und damit befaßt sich die wissenschaftliche gestalttherapeutische Forschung. Betrachten wir als „Breite” eine Ausweitung oder einen Wandel von Lebensanschauung und Lebensstil über den mainstream des sozialen Kontextes hinaus, dann scheint zur Zeit Gestalttherapie nicht so ergiebig, wie GOODMAN es pointiert hatte. Aber gerade mit dieser Ausrichtung auf beunruhigende und tabuisierte Fragen haben Gestalttherapeuten in persönlichem Einsatz den hier beschriebenen Erfahrungsweg beschritten.
Die Ausschreibung für 2002 markiert dieses Vorhaben folgendermaßen:
(1) „Betrachten der eigenen Lebens-Gestalt-Gebung
(2) mit wohlwollend liebevoller Begleitung durch kompetente Kollegen
(3) und Unterstützung von Wandlungsprozessen.“
Damit sind drei Paradigmen der Gestalttherapie genannt:
1. mein Leben: was habe ich übernommen, und was ist von mir selbst erfunden?
2. diesen Prozeß im Kontakt mit Menschen zu erleben, die zunächst einmal vor nichts zurückschrecken und mich wirklich begleiten können, und
3. Ermutigung dazu, etwas zu wagen, wohin ich bisher meinen Fuß noch nicht gesetzt habe: die aktive Teilnahme an Veränderungen.
Es wird stetig auf die Stärke und Kraft der jeweiligen Elemente eingegangen, die von vorhandenen Bildern und Wiederholungen gelöst und neubelebten Bedürfnissen für expeditionalen Wagnissen zugeführt werden können. Es wird dies Auge in Auge im direkten Kontakt mit anderen, die meine Reaktion wahrnehmen und deren Reaktionen ich wahrnehme, prozessual erlebt, wobei die Differenzierung zwischen Therapeut und Klient schwindet oder wechselt, und ein Interesse oder eine gleichzeitige Neugier aufkommt, die allen gemeinsam ist, was dazu führt, daß sich die Gruppe wie ein lebendiger Gesamtorganismus fühlt. Dadurch wachsen wie Pseudopodien Ideen, Bedürfnisse und Wünsche in einen bisher leeren Raum hinein und dehnen sich dort aus, so daß sich der Lebensplan, zu dem ich ursprünglich berufen bin, deutlicher entfalten und alle Beteiligten dessen Umrisse genauer sehen können, sozusagen öffentlich.
Vertraut man diesen Gestalt-Elementen – und es wurde erlebt, daß ein solches Vertrauen wuchs – entsteht eine Wirkung, die als die eines Wachstums-Biotops bezeichnet werden könnte. Die übliche alltägliche Umgebung, in der wir leben, vermag das nicht; sie befindet sich in einer zu starken Isoliertheit. Das Experiment unter einem Dach und an mehreren Tagen fortgesetzt, wandelt sich beginnend aus einer Workshop-Struktur zu einer Kultur gemeinsamen Lebens.
Beispielhaft zeigten das die Träume: die unter einem gemeinsamen Dach und in einer gemeinsamen Zeit geträumte Träume sind nicht mehr nur individuelle Träume; sie verweben sich zu Traumbotschaften an eine Lebens-Gemeinschaft.
Gestalttherapeuten erlebten und gestalteten aus Gestalt-Elementen einen neuen Lebensstil. Die einmal erwachten Lebens-Elemente lassen sich nicht mehr ganz zur Ruhe bringen. Die geweckte Unruhe läßt uns nicht los, und es liegt an uns, ob wir sie als bedrohlich oder als befreiend auffassen. Da die Gestalttherapeuten, welche dieses Unterfangen gewagt und unternommen haben und die sich dem Geschehen gestalttherapeutischen Vorgehens wie Identifizieren, Konfrontieren und Einfühlen im Hier und Jetzt, in dem sie sich ja bestens auskennen, ausgesetzt haben, und das, weil es wie bei Ich-starken Menschen zu erwarten ist, ziemlich schonungslos praktizieren, nehmen sie sich auch das Recht, diesen lebensfüllenden und unüblichen Vorgang als „Gestalt-Leben” zu bezeichnen.

Erving u. Mirjam Polster: GESTALTTHERAPIE.
Perls, Hefferline, und Goodmann,
Serge Tisseron: Die Verbotene Tür. Familiengeheimnisse und wie man mit ihnen umgeht.
München 1998
Hunter Beaumont, Zitat aus einer Fortbildungsveranstaltungen 1996/7
Gerald Hüther Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. V&R Göttingen 2001
Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit.
Jörg Schlee: Psychologie der Veränderung. 2002

© Martin Goldstein und Hardy Dierks